Interview mit Henning Sonnenschein vom Magazin „Galileo Genial“. Hier das ganze Interview im PDF Format runterladen

Martin Semmelrogge ist eines der bekanntesten, altgedientesten und markantesten deutschen Film- und Fernsehgesichter. Die wilden Siebziger haben nicht nur seine Karriere, sondern auch sein Leben nachhaltig beeinflusst. Ersteres durch erfolgreiche Rollen in damaligen Kultserien wie Der Kommissar, Zweiteres alleine schon deshalb, weil er damals an der so prägenden Schwelle vom Jugendlichen zum jungen Erwachsenen stand. Und der 64-Jährige ist bis heute sehr aktiv – auf der Bühne, vor der Kamera und auch im Leben. Ein Gespräch über bewegte und bewegende Jahre.

Herr Semmelrogge, was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an die siebziger Jahre zurückdenken?

Am prägendsten war aus heutiger Sicht natürlich, dass meine Karriere als Schauspieler in den Siebzigern begonnen hat – dass ich gleich zu Beginn in der Serie Der Kommissar mitspielen durfte, war ein echter Schub, die war damals ein absoluter Straßenfeger. Ich hatte mir vorher schon im Radio beim Bayrischen Rundfunk ein Taschengeld verdient und  da Erfahrungen mit Sprechen gesammelt. Der Gag ist, dass ich damals noch einen schwäbischen Dialekt hatte, den ich mir erst abgewöhnen musste.

Mein Vater war ja Regisseur, und über den habe ich eines Tages eine Anfrage für eine Rolle bekommen. Seine Reaktion darauf war „Ja, okay. Aber der spricht ja nicht richtig deutsch!“ Das Beste daran war, dass genau so jemand gesucht wurde, weil es um ein Freizeitheim ging, in dem es um jugendliche Kriminelle ging – in Schwäbisch Hall. So gesehen war ich prädestiniert für diesen Job, und der wurde dann auch mein Sprungbrett in die Schauspielerei.

Was es für Sie damals ja noch mit der Schule zu koordinieren galt.

Ja, genau. Die Rundfunkgeschichten lief nebenbei. Wenn mal eine Aufnahme mit den Unterrichtszeiten kollidierte, hab ich mich in der Schule schon auch mal dafür krankschreiben lassen. Das war ja auch so ein Ding, als ich für den eben erwähnten Dreh zwei Wochen nach Schwäbisch Hall musste. Da die Genehmigung zu bekommen war alles andere als einfach. Ich war ja auf einer Waldorf-Schule, und die haben das Fernsehen grundsätzlich gehasst. Mein Vater hat versucht, mich für die zwei Wochen dort freistellen zu lassen, und kam mit einer guten und einer schlechten Nachricht zurück. Ich wollte zuerst die schlechte: Es wurde nicht genehmigt. Da hab ich mir von der guten natürlich nichts erwartet – aber sie lautete: „Du musst nie wieder in diese Schule gehen.“ Die hatten Angst, dass ich am Schauspiel-Set in schlechte Gesellschaft gerate, und da waren sie bei einem Regisseur als Vater natürlich an der richtigen Adresse. Er hat mir gegenüber dann aber auch keinen Zweifel daran gelassen, dass ich jetzt richtig Gas geben müsse und die Zeit nicht nur nutzen dürfe, um mit meinen Hippie-Freunden abzuhängen. Ich war bei den Lehrern dort sowieso alles andere als beliebt, alleine schon, weil ich im Unterricht Kaugummi gekaut hab. Wiederkäuer haben sie mich genannt. Ich hab mich aber von sowas nicht beeindrucken lassen und hab dann einfach gesagt: „Ich bin eben sparsam und esse alles zwei oder drei Mal. Das hält schlank“. So hat man sich dort keine Freunde gemacht. An Strafen hat es mir entsprechend nicht gemangelt. Ich stand oft an der Tafel und musste irgendwelche Sachen machen. Von den anderen Schülern kamen dann gerne mal dumme Bemerkungen, auch von einem, den wir „den dicken Olaf“ genannt haben, so ein richtiger Spießer. Mein Spitzname für ihn war „Fleischpflanzerl“, was er dann zu hören bekommen hat. Der Lehrer sagte nur: „So ein schönes Wort, das darfst du dann gleich hundert Mal aufschreiben.“ Tja, hätte ich ihn mal lieber „fette Sau“ genannt.

Mit Ihren Hippie-Freunden haben sie vermutlich trotzdem genug Zeit verbracht, um die Siebziger diesbezüglich ausgekostet zu haben?

Ja, na klar. Ich hatte lange Haare, hab oft in den einschlägigen Hippie-Cafés gesessen und im Park Gitarre gespielt, Sit-ins gemacht. Ich war da schon voll dabei. Mein Vater war zum Glück auch alles andere als konservativ. Er war ja aus der DDR geflüchtet und hasste alles Totalitäre. Von daher führte mein Lebenswandel auch zu keinen größeren Komplikationen zuhause. Mein Vater war ein großer Fan von Willy Brandt – alleine deshalb ist auch der schon ein Mann, den ich sofort mit meinem Leben in den Siebzigern assoziiere. Es ging viel darum, die damals noch sehr präsenten und verbreiteten totalitären Züge in der Gesellschaft aufzubrechen. Der Rohrstock war in den Siebzigern noch nicht so lange her, auch wenn ich persönlich mit so etwas zum Glück eher wenig Erfahrungen gesammelt hatte. Am Anfang hat man deshalb in unseren Kreisen auch das, was die Baader-Meinhof-Bande veranstaltet hat, eher positiv gesehen. Das hat sich natürlich grundlegend geändert, als es in einen regelrechten Krieg ausgeartet ist, bei dem auf Menschenleben keine Rücksicht mehr genommen wurde. Diese Aggression war für mich Ausdruck von einer Art Resignation. Und genau diese Wechselwirkung, Aggression aus Unzufriedenheit, erleben wir ja heutzutage auch, wenn sie sich auch ganz anders ausdrückt.

Wie empfinden Sie grundsätzlich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Lebensgefühl von damals und von heute?
Ein zentraler Wert war für uns damals Freiheit, um unbeschwert leben zu können. Und Liebe sowieso … Das sind so gesehen universelle Ansprüche, die heute noch genau die gleiche Wertigkeit haben, auch wenn sie vielleicht anders interpretiert werden. Was heute gegenüber damals zu kurz kommt, ist aus meiner Sicht das Soziale, der soziale Zusammenhalt. Daraus entsteht auch viel von der eben erwähnten Unzufriedenheit. Aber tatsächlich führt gerade das auch dazu, dass wieder junge Menschen auf die Straße gehen, um ihrer Unzufriedenheit Luft zu machen – ich sage nur Fridays for Future. Schade ist halt, dass solche Bewegungen zwangsläufig von der einen oder anderen Seite zu instrumentalisieren versucht werden. Aber auch das ist letztlich nichts Neues. Der Punk war in den Siebzigern ja auch eine Auflehnung gegen alles und konnte sich trotzdem nicht dagegen wehren, kommerzialisiert zu werden. Zumindest gibt es aber immer wieder Momente, in denen sich die kleinen Leute bemerkbar machen. Früher hätte man gesagt „das Proletariat“, wobei wir damals nicht wirklich wussten, was das Proletariat überhaupt genau sein soll. Wir haben uns halt aufgeführt wie Proleten.

Und beruflich? Ist die Schauspielerei heute ein anderes Metier als damals?

Naja, der Beruf an sich nicht – man muss immer noch Texte auswendig lernen, was ziemlich lästig ist. Bei den Dreharbeiten selbst war man auf gewisse Weise sorgfältiger, weil es die ganzen digitalen Möglichkeiten nicht gab, mit denen man jedes Ding so oft drehen kann, wie man will. Damals hat noch jeder Versuch Geld gekostet. Das macht natürlich schon etwas aus für die Art und Weise, wie man seine Arbeit angeht. Gerade beim Fernsehen wird zumindest bei manchen Produktionen Hauptsache schnell und billig gedreht, habe ich das Gefühl. Wobei sich meine persönliche Arbeit in diesem Sinne wenig verändert hat, weil ich solche Rollen gar nicht erst annehme. Ich stecke nach wie vor viel Aufwand in meine Darstellungen und arbeite in der Regel auch mit Regisseuren zusammen, die diesen Anspruch haben. Außerdem mache ich auch sehr viel Theater, wo sowieso andere Regeln gelten, an denen sich im Laufe der Jahrzehnte auch nichts verändert hat. Ich bin jetzt 64, ehrlich gesagt müsste ich gar nichts mehr machen. Aber meine Verlobte sagt immer, ich würde richtig aufleben, wenn ich arbeite. Es gibt irrsinnig viele Schauspieler, aber echte Typen werden immer weniger. Von daher ist offensichtlich auch noch Bedarf für mich. Eigentlich muss ich meine Fresse bloß hinhalten und alles Überflüssige weglassen.

Sind die Erwartungen an Schauspieler heute anders? Sind die Darsteller von heute austauschbarer?

Naja, die richtigen Typen mit Ecken und Kanten werden nicht ohne Grund weniger, die waren tatsächlich früher mehr gefragt. Das ganze Filmgeschäft war noch nicht so industriell wie heute. Es gibt immer nochmal vereinzelte Typen, na klar. Brad Pitt zum Beispiel ist dabei, einer zu werden. Oder Edward Norton. Aber dafür muss man den Leuten die Zeit geben, zu reifen – und dass es die kaum noch gibt, ist ein riesiger Unterschied zwischen heute und damals. Der Trend geht zur Fließbandarbeit. Es gibt immer noch herausragende Filme. Ich habe mir kürzlich Joker angesehen – und wenn ich Joaquin Phoenix in Action sehe, bekomme ich das Gefühl, überhaupt kein Talent zu besitzen. Aber die Zeiten für richtige Cineasten-Filme sind vorbei. Ich finde es natürlich toll, mit den jungen Leuten zusammenzuarbeiten, so ist das nicht gemeint. Aber Typen wie einen Mario Adorf muss man heute mit der Lupe suchen.

Wo Sie gerade von einem ihrer jüngsten Kinobesuche berichtet haben – haben Sie einen Lieblingsfilm aus den Siebzigern?

Nicht nur einen … Clockwork Orange von Stanley Kubrick hat mich geflasht. Der Pate geht auch immer. Und die Filme von Martin Scorsese: Taxi Driver ist ein ganz großer Klassiker der Siebziger, mit Robert de Niro. Der ja übrigens auch immer der Gangster bleibt, obwohl er auch ganz andere Rollen gespielt hat. Das ist bei mir ja ähnlich.

Umso bemerkenswerter, wo Sie gerade in einer Ihrer, wenn nicht der bekanntesten Rolle keinen Gangster gespielt haben: In Das Boot haben sie als Zweiter Wachoffizier Kultstatus erlangt. Dieser Film ist in seiner Entstehung ja letztlich auch ein Kind der Siebziger, auch wenn er erst 1981 in die Kinos kam. Wie haben Sie die Arbeit an diesem Film erlebt?

Die meisten Schauspieler von Das Boot waren damals ja mehr oder weniger Jugendliche. Ich war ja schon vergleichsweise bekannt – weshalb ich eigentlich gar nicht mitspielen sollte. Damals hatte ich schon das Bösewicht-Image weg – womit wir wieder an diesem Punkt wären – und von daher war mein Gesicht für so einen Film eigentlich schon verbraucht. Ich stand zu der Zeit in München auf der Theaterbühne, Die Glasmenagerie von Tennessee Williams. Und dann bekam ich einen Anruf, dass ich mich mal beim Wolfgang Petersen, dem Regisseur von Das Boot, vorstellen solle. Was mich natürlich ziemlich überrascht hat, nachdem es hieß, ich solle da nicht mitspielen. Aber der Produzent Günther Rohrbach hatte mich in dem Theaterstück gesehen und fand mich sehr überzeugend – und sie suchten noch einen sarkastischen, lustigen Typen, und dem hab ich wohl ziemlich genau entsprochen. Wir waren dann beim Dreh ein ziemlich wilder Haufen. Ich, Heinz Hoenig, Ralf Richter, Jürge Prochnow, Jan Fedder, Claude-Oliver Rudoph … Und der Petersen hat uns da einfach reingeschmissen und durchgepeitscht, im wahrsten Sinne des Wortes. Petersen hatte einfach einen unglaublichen Enthusiasmus, das war großartig. Wir haben uns auch alle sehr schnell in die Rollen reingefunden …

In eine Situation reingeschmissen und durchgepeitscht zu werden passt auch irgendwie zum Leben eines U-Boot-Fahrers, oder?
Ja, es hat sich sehr schnell unglaublich authentisch angefühlt. Es hat auch nicht lange gedauert, bis wir uns auch privat nicht mehr mit Namen, sondern mit unseren Dienstgraden angesprochen haben. Die ganzen Dreharbeiten waren ziemlich magisch.

War Ihnen zu dem Zeitpunkt schon bewusst, dass Sie an einem Allzeitklassiker beteiligt sind?

Dass es ein sehr großes, ambitioniertes Projekt war, war uns schon bewusst. Aber als der Film in die Kinos kam, waren wir nicht sonderlich begeistert. Unter anderem, weil viele gute Szenen zumindest für die Kinofassung der Schere zum Opfer gefallen waren. Und auch, weil die Kritiken anfangs gar nicht so gut waren. Uns war auch klar, dass wir es mit dem Film in Amerika schaffen mussten, um die enormen Kosten wieder reinzuholen. Dort war es natürlich so, dass die Leute einem Kriegsfilm aus Deutschland ziemlich kritisch gegenüberstanden. Bei der Einblendung, dass von 45.000 deutschen U-Boot-Fahrern 35.000 nicht mehr nach Hause gekommen sind, gab es tatsächlich Applaus. Nach dem Film herrschte dann erst Stille – und dann Standing Ovations. Zu sehen, dass diese zweieinhalb Stunden in den Köpfen der Leute etwas bewegen können, war ziemlich beeindruckend.

Kommen wir noch einmal vom Beruflichen weg zu ihren persönlichen Siebzigern: Vorhin erwähnten Sie, dass Ihr Vater aus der DDR geflüchtet ist. Wie haben Sie die deutsche Teilung damals wahrgenommen?

Ich hatte das Glück, zwar im Osten gezeugt, aber im Westen geboren worden zu sein. Mein Vater hat das System und die Menschen, die es stützten, verachtet, und deshalb ist er in den Westen abgehauen. Selbst die Familienmitglieder, die im Osten geblieben sind, hat er ein Stück weit als Verräter gesehen. Seinen Bruder etwa wollte er eigentlich gar nicht mehr sehen. Als Filmschaffender war er natürlich bespitzelt worden, und das hat ihn ziemlich geprägt. Dementsprechend war die DDR in meiner Wahrnehmung ein absoluter Unrechtsstaat und eine fremdartige Parallelwelt. Ich war 1975 dann tatsächlich auch selbst mal drüben: Eine Transitfahrt, weil ich zu einem Dreh nach Westberlin musste. Ich erinnere mich noch gut an das ungute Gefühl jenseits der Grenze, man hat sich wirklich beobachtet gefühlt – umso mehr, wenn man mittlerweile ein relativ bekanntes Gesicht war und dementsprechend von den Zöllnern sowieso schon ziemlich offensichtlich angeglotzt wurde. Und noch viel mehr, wenn man wie ich der Sohn von einem Republikflüchtling war. Für mich war diese Fahrt wie ein kleiner Horrortrip. Spätestens auf dem Rückweg Richtung München, als ich die tolle Idee hatte, einen Umweg über Frankfurt zu fahren, um erstmal schneller wieder über die Grenze in den Westen zu kommen. Leider bin ich dann Richtung Frankfurt/Oder gefahren, was die Odyssee im Ergebnis nur noch länger gemacht hat.

Was ist Ihre schönste Erinnerung an die siebziger Jahre?
Es gibt ja diesen schönen Spruch: „Wer sich noch an die Siebziger erinnern kann, hat sie nicht richtig erlebt.“ Ich will nicht sagen, dass der in dem Sinne auf mich zutrifft, aber es war schon eine intensive Zeit. Die Konzerte von damals sind ziemlich großartige Erinnerungen: Rolling Stones, Neil Young … Alles Künstler, die ich auch in späteren Zeiten immer wieder gern gesehen hab. Ich war in den Siebzigern eine Zeit lang in London, an die erinnere mich mich auch ausgesprochen gerne. Da war der Punk damals ja der heiße Scheiß, das hat mich ziemlich geflasht. Wenn ich die Rolle in Das Boot nicht bekommen hätte, wäre ich vielleicht dageblieben. Komischerweise war bei meiner Rückkehr nach London die Luft aber auch etwas raus, es war nicht mehr wie vorher.


„Luft raus“ kann man über ihre Karriere nicht sagen – Sie sind nach wie vor sehr aktiv.
Ja, ich habe jetzt einen Polizeiruf gedreht, der nächstes Jahr zu sehen wird. Ebenso Limbo, ein ziemlich ambitioniertes Kino-Drama, indem ich eine der Hauptrollen spiele. Ein toller Film, der 90 Minuten ohne einen Schnitt auskommt! Ein spannendes Konzept. Und eine Rolle, die mir auf den Leib geschneidert wurde. Die eines Gangsters übrigens. Auch 2020 wird sicher wieder einiges kommen, aber zumindest den altersgemäßen Luxus gönne ich mir: Ich lasse die Dinge entspannt auf mich zukommen. Die Angebote kommen oder kommen nicht – und wenn sich nichts ergibt, mit dem ich mich identifizieren kann, bin ich in der glücklichen Lage, nicht mehr arbeiten zu müssen, sondern zu wollen. Rein vom Alter her wäre ich ja mittlerweile reif für die Rente. Was ich auf jeden Fall machen werde, ist, den nächsten Teil von meinem Buch Ein wilder Ritt durch Parapraphistan zu schreiben. In der Reihe bringe ich meine Lebenserinnerungen und -erfahrungen zu Papier. Und da steht definitiv auch einiges Interessantes über die siebziger Jahre drin …

Interview: Henning Sonnenschein